Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung durch den Autor und (Mit)Herausgeber der aktuellen “DUMMY” entnommen.
DUMMY Gesellschaftsmagazin erscheint mit wechselndem Themenschwerpunkt viertelj?hrlich. Der Artikel ist auch auf der Homepage von DUMMY als PDF mit Photos von Will McBride erschienen.
Die Geschichte von “Zeig mal!” zeigt, wie sich die Gesellschaft auf den Weg zur?ck in die Verklemmung machte – Biografie eines Aufkl?rungs-Buchs
Wie sch?n: zwei nackte Kinder, die an sich herumspielen, ganz ungezwungen und gro?formatig. Zwei kleine Pimmel, die sich aneinanderschmiegen, ein Baby, das im Arm seiner Mutter liegt, Papas Schwanz, der in Mamas M?se steckt, ein Kind, das einen Finger im Po hat, ein M?dchen, das seine nackte schwangere Mutter betrachtet. Auch das Deutsche Pfarrersblatt war ganz angetan: “Dieses Buch ist f?r Eltern gedacht als Hilfe und Orientierung f?r anschauliche und wirklichkeitsnahe sexuelle Aufkl?rung. Es soll Kindern ersparen helfen, im Zusammenhang mit Sexualit?t Angst und Schuldgef?hle zu erleben”, lobte es. Und der Kurier f?r die Polizei des Landes Baden-W?rttemberg assistierte: “Ein sauberes und reines Buch.” Das war 1974.
30 Jahre sp?ter kann man “Zeig mal!” nicht mehr kaufen. Vielleicht bekommt man es noch im Antiquariat oder in der Bibliothek. Der Verlag hat Druck und Vertrieb Mitte der 90er entnervt eingestellt. Da war aus einem ” sauberen und reinen Buch” l?ngst ein Fall f?r die Sittenpolizei geworden, Abteilung Kinderpornografie. Bis dahin war es ein langer Weg – eine Art R?ckweg.
Als das Aufkl?rungsbuch aus dem Evangelischen Jugendbuchverlag Wuppertal im April 1974 auf den Markt kam, zeigten sich nicht nur Kirchvertreter angetan. Der Art Directors Club zeichnete das gro?z?gige Schwarzwei?-Werk mit einer Goldmedaille aus, in vielen Medien wurden die opulenten Fotostrecken von Will McBride gelobt, der damals zu den angesehensten Fotografen z?hlte und als Chronist der sexuellen Befreiung. In der Zeitschrift Twen, die bis heute ?sthetisch Ma?st?be setzt, ver?ffentlichte er etliche Bilder von schwangeren Frauen, entr?ckten Hippies und nackten Kindern.
Die Befreiung der privaten Sexualit?t aus dem Korsett von allt?glicher Tabuisierung und rechtlichen Sanktionen war das Anliegen von “Zeig mal!”. Die Basler Kinderpsychologin Helga Fleischhauer-Hardt verortete in einem Nachwort den p?dagogischen, ethischen und psychologischen Stellenwert der Aufkl?rung in der Erziehung. Im vorderen Teil wiederum wurde ausf?hrlich aus dem Kinsey-Report zitiert (etwa die Schilderung, wie sich eine Dreij?hrige mit hunderten von konvulsivischen St??en zu ihrem ersten Orgasmus zuckt) und aus dem Tagebuch der “Kommune 2″, wo der 24-j?hrige Eberhard mit der 3-j?hrigen Grischa im Bett lag, sie an seiner Erektion herumspielen lie? und schlie?lich nachgab, als Grischa darauf bestand “ihn reinzustecken”. Allerdings, so das vers?hnliche Ende des Feldversuchs: Es passt nicht – “zu gro?!” Dazwischen kamen vor allem Kinder zu Wort: “Ich finde meinen Schlitz viel sch?ner als deinen Schwanz.” “Zeig mal” wurde in der unverklemmten ?ra ein gro?er Erfolg. Bis zum Jahresende 1974 hatten sich bereits 10.000 Exemplare verkauft – unter anderem, weil der saarl?ndische Kultusminister mit einem Antrag auf Indizierung des Buches gratis Werbung daf?r machte. “Wir tun alles, um die Publizit?t des Indizierungsantrages zu nutzen”, frohlockte der Verlagsleiter in einem Brief an seinen Anwalt. Das Klima war also nicht nur liberal, wie sich auch zeigte, als der WDR in seinem Kinderprogramm zwei Jungen und zwei M?dchen fr?hlich ?ber Sexualit?t plaudern lie?. “Die Scheide ist ein Loch, und der Penis ist etwas ziemlich Langes, Schlauch?hnliches”. Bei solchen T?nen brannte auch schon 1974 bei manch bravem B?rger die Sicherung durch. Gleich acht Morddrohungen gingen beim Sender ein; den Wellenchef, so schlugen H?rer vor, solle man “in der W?ste verrecken lassen, vergasen, teeren und federn.”
Das Buch war also auch damals schon ein Tabubruch, allerdings sa?en seine gr??ten Feinde nicht in irgendwelchen Amtsstuben oder miefigen Wohnzimmern, sondern beim Porno-Versand “Apollo”, der das Buch dreist in sein Sortiment aufnahm – als “versp?tetes Osterei, bei dem selbst verw?hnte und an Hartes gew?hnte Sex-Gourmets auf ihre Kosten” k?men. Gleich daneben wurde das Heft “Mini Boys Nr.2″ beworben – laut Apollo “scharf wie Cayenne-Pfeffer” und voller “Boys, die mit Schwanz, Mund und Po alles geben.” Darauf hatten die Kritiker des Aufkl?rungsbuches nur gewartet. Fortan, so Will McBride heute, ” wurde so getan, als sei das Buch von vorneherein von P?dophilen f?r P?dophile gemacht worden.”
Als “Zeig mal!” 1975 in den USA ver?ffentlich wurde, gab es in der konservativen Presse ebenfalls einen Aufschrei. In Spanien wurde gegen den Verleger der spanischen Ausgabe Strafantrag gestellt. Das Buch, so die Begr?ndung, bestehe zu gro?en Teilen “aus Fotografien mit klar pornografischem Inhalt.” Zudem sei auf den 196 Seiten kein einziges Mal die Rede von der “Liebe Gottes”, die ja wohl das Hauptmotiv f?r die k?rperliche Vereinigung sei. Fazit: “Zeig mal!” sei kein Sexualerziehungsbuch, sondern ein “Bilderbuch f?r Nudisten”.
Fatal wurde es schlie?lich im September 1981, als das Nachrichtenmagazin Time eine Seite ?ber P?dophile mit dem Cover des Buches illustrierte. In dem Artikel wurden vor allem schrullige Aktivisten zitiert, die daf?r eintraten, dass selbst Kleinkinder und Erwachsene miteinander Sex haben sollten, schlie?lich k?nnten auch Vierj?hrige nein sagen.
?ber die Jahre wurde die kindliche Sexualit?t mehr und mehr ihrer Unschuld beraubt. Die Medien, allen voran die Boulevardpresse und sp?ter die neuen Privatsender entdeckten den Kindesmissbrauch als quotentr?chtiges Thema. Obwohl solche Delikte nicht h?ufiger vorkamen als in den 60ern und 70ern, entstand der Eindruck, der sexuelle Missbrauch an Kindern sei allgegenw?rtig. In den Kinderg?rten wurde von nun an argw?hnisch geschaut, wie nah die Erzieher den Kindern kommen, Scheidungsanw?lte entdeckten in der Denunziation der V?ter als P?dophile eine erfolgreiche Strategie. In der allgemeinen Alarmstimmung gab es aber auch durchaus n?tzliche Debatten: Erstmals wurde der Sextourismus in Entwicklungsl?ndern nicht mehr als Kavaliersdelikt gesehen. Schlie?lich wurde 1992 unter Justizminister Klaus Kinkel ein Gesetzesentwurf zur versch?rften Bek?mpfung von Kinderpornografie vorgelegt, um die “Kinder vor den Perversionen der Erwachsenen zu besch?tzen”.
Vielleicht kann man sagen, dass des Guten zuviel getan wurde, denn pl?tzlich – und das hat sich bis heute erhalten – wurde die Sexualit?t der Kinder nur noch als Fall f?r die Polizei gesehen, behaftet mit Problemen. Davon blieb nat?rlich auch “Zeig mal!” nicht verschont. Bereits 1986 hatte das Frankfurter Jugendamt einen erneuten und wiederum erfolglosen Verbotsantrag gestellt, zehn Jahre sp?ter entdeckte die Junge Union in Wuppertal das Thema f?r sich. Dort hatte man das umstrittene Buch in einer Bibliothek gesichtet – 22 Jahre nach der Ver?ffentlichung. Das Buch, so die CDU , sei “gepr?gt von der geradezu zwanghaften Vorstellung, die Gesellschaft und sogar Kinder von sexueller Unterdr?ckung und Bevormundung befreien zu m?ssen. Das Buch greift u.a. zur?ck auf die Darstellung von offensichtlich im Fotostudio eindeutig sexuell stimulierten – und damit wohl auch missbrauchten Kindern.”
Ein ?hnlicher Vorwurf wurde im selben Jahr in der Zeit erhoben In einem Artikel mit der ?berschrift “der dunkle Schatten von 68″ wurde dem Fotografen Will McBride vorgeworfen, er habe beim Foto-Shooting einen Jungen f?r seine Erektion gelobt. McBride verlangte prompt eine Gegendarstellung; auch der Verleger, den die Zeit als Zeugen genannt hatte, distanzierte sich von der ?blen Nachrede. Der CDU -Antrag auf Indizierung verlief zum dritten Mal im Sand. Die Beh?rde verwies darauf , dass es schwer sei, ein ehemaliges Urteil zu revidieren, da sich ja nichts an dem Buch ge?ndert habe.
Am Buch nicht, aber an der Gesellschaft – und das ist das eigentliche Problem. Der Blick ist verstellt durch jahrelange Diskussionen ?ber Kindesmissbrauch, Kinderpornografie und die medialen Zerrbilder davon. Die notwendige Problematisierung ist unter dem Skandalisierungdruck aus dem Ruder gelaufen und hat Angst, Verklemmung und Beklommenheit ausgel?st, so die Erkenntnis von Soziologen. Das Motto “Zeig mal!” gilt nur noch f?r die Werbung, die keine Scham kennt, mit kindlicher Erotik Produkte zu verkaufen. Im Miteinander von Erwachsenen und Kindern aber hei?t das Motto zu Hause und auf der Stra?e: Guck blo? weg! In der Schweiz hat man gerade den Nikol?usen verboten, Kinder auf den Scho? zu nehmen. Hinter jedem Vollbart k?nnte sich ja ein Perverser verbergen.
Das Problem “Zeig mal!” hat sich erledigt. Nachdem es sich fast eine Million Mal in sieben Sprachen verkauft hat, stellte es der Verlag 1996 ein. In den Aufkl?rungsb?chern von heute sind die Kinder Comicfiguren.
Text: Oliver Gehrs
Fotos: Will McBride











































Vlog, Videoblog: Will McBride : ? Fotograf ? Maler ?…
Will McBride ist einer der großen malenden Fotografen oder vielleicht vielmehr ein fotografierender Maler? In jedem Fall hat er sein Leben der Kunst gewidmet und große Bilder geschaffen, deren volle Bedeutung erst heute langsam erkannt wird…