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In the Media, Political

Dummy: Die Geschichte von “Zeig mal!”

01.16.06 | 1 Comment

Das aktuelle DUMMY Gesellschaftsmagazin Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung durch den Autor und (Mit)Herausgeber der aktuellen “DUMMY” entnommen.

DUMMY Gesellschaftsmagazin erscheint mit wechselndem Themenschwerpunkt vierteljährlich. Der Artikel ist auch auf der Homepage von DUMMY als PDF mit Photos von Will McBride erschienen.

 


Die Geschichte von “Zeig mal!” zeigt, wie sich die Gesellschaft auf den Weg zurück in die Verklemmung machte – Biografie eines Aufklärungs-Buchs

Wie schön: zwei nackte Kinder, die an sich herumspielen, ganz ungezwungen und großformatig. Zwei kleine Pimmel, die sich aneinanderschmiegen, ein Baby, das im Arm seiner Mutter liegt, Papas Schwanz, der in Mamas Möse steckt, ein Kind, das einen Finger im Po hat, ein Mädchen, das seine nackte schwangere Mutter betrachtet. Auch das Deutsche Pfarrersblatt war ganz angetan: “Dieses Buch ist für Eltern gedacht als Hilfe und Orientierung für anschauliche und wirklichkeitsnahe sexuelle Aufklärung. Es soll Kindern ersparen helfen, im Zusammenhang mit Sexualität Angst und Schuldgefühle zu erleben”, lobte es. Und der Kurier für die Polizei des Landes Baden-Württemberg assistierte: “Ein sauberes und reines Buch.” Das war 1974.
30 Jahre später kann man “Zeig mal!” nicht mehr kaufen. Vielleicht bekommt man es noch im Antiquariat oder in der Bibliothek. Der Verlag hat Druck und Vertrieb Mitte der 90er entnervt eingestellt. Da war aus einem ” sauberen und reinen Buch” längst ein Fall für die Sittenpolizei geworden, Abteilung Kinderpornografie. Bis dahin war es ein langer Weg – eine Art Rückweg.

Als das Aufklärungsbuch aus dem Evangelischen Jugendbuchverlag Wuppertal im April 1974 auf den Markt kam, zeigten sich nicht nur Kirchvertreter angetan. Der Art Directors Club zeichnete das großzügige Schwarzweiß-Werk mit einer Goldmedaille aus, in vielen Medien wurden die opulenten Fotostrecken von Will McBride gelobt, der damals zu den angesehensten Fotografen zählte und als Chronist der sexuellen Befreiung. In der Zeitschrift Twen, die bis heute ästhetisch Maßstäbe setzt, veröffentlichte er etliche Bilder von schwangeren Frauen, entrückten Hippies und nackten Kindern.
Die Befreiung der privaten Sexualität aus dem Korsett von alltäglicher Tabuisierung und rechtlichen Sanktionen war das Anliegen von “Zeig mal!”. Die Basler Kinderpsychologin Helga Fleischhauer-Hardt verortete in einem Nachwort den pädagogischen, ethischen und psychologischen Stellenwert der Aufklärung in der Erziehung. Im vorderen Teil wiederum wurde ausführlich aus dem Kinsey-Report zitiert (etwa die Schilderung, wie sich eine Dreijährige mit hunderten von konvulsivischen Stößen zu ihrem ersten Orgasmus zuckt) und aus dem Tagebuch der “Kommune 2″, wo der 24-jährige Eberhard mit der 3-jährigen Grischa im Bett lag, sie an seiner Erektion herumspielen ließ und schließlich nachgab, als Grischa darauf bestand “ihn reinzustecken”. Allerdings, so das versöhnliche Ende des Feldversuchs: Es passt nicht – “zu groß!” Dazwischen kamen vor allem Kinder zu Wort: “Ich finde meinen Schlitz viel schöner als deinen Schwanz.” “Zeig mal” wurde in der unverklemmten Ära ein großer Erfolg. Bis zum Jahresende 1974 hatten sich bereits 10.000 Exemplare verkauft – unter anderem, weil der saarländische Kultusminister mit einem Antrag auf Indizierung des Buches gratis Werbung dafür machte. “Wir tun alles, um die Publizität des Indizierungsantrages zu nutzen”, frohlockte der Verlagsleiter in einem Brief an seinen Anwalt. Das Klima war also nicht nur liberal, wie sich auch zeigte, als der WDR in seinem Kinderprogramm zwei Jungen und zwei Mädchen fröhlich über Sexualität plaudern ließ. “Die Scheide ist ein Loch, und der Penis ist etwas ziemlich Langes, Schlauchähnliches”. Bei solchen Tönen brannte auch schon 1974 bei manch bravem Bürger die Sicherung durch. Gleich acht Morddrohungen gingen beim Sender ein; den Wellenchef, so schlugen Hörer vor, solle man “in der Wüste verrecken lassen, vergasen, teeren und federn.”
Das Buch war also auch damals schon ein Tabubruch, allerdings saßen seine größten Feinde nicht in irgendwelchen Amtsstuben oder miefigen Wohnzimmern, sondern beim Porno-Versand “Apollo”, der das Buch dreist in sein Sortiment aufnahm – als “verspätetes Osterei, bei dem selbst verwöhnte und an Hartes gewöhnte Sex-Gourmets auf ihre Kosten” kämen. Gleich daneben wurde das Heft “Mini Boys Nr.2″ beworben – laut Apollo “scharf wie Cayenne-Pfeffer” und voller “Boys, die mit Schwanz, Mund und Po alles geben.” Darauf hatten die Kritiker des Aufklärungsbuches nur gewartet. Fortan, so Will McBride heute, ” wurde so getan, als sei das Buch von vorneherein von Pädophilen für Pädophile gemacht worden.”
Als “Zeig mal!” 1975 in den USA veröffentlich wurde, gab es in der konservativen Presse ebenfalls einen Aufschrei. In Spanien wurde gegen den Verleger der spanischen Ausgabe Strafantrag gestellt. Das Buch, so die Begründung, bestehe zu großen Teilen “aus Fotografien mit klar pornografischem Inhalt.” Zudem sei auf den 196 Seiten kein einziges Mal die Rede von der “Liebe Gottes”, die ja wohl das Hauptmotiv für die körperliche Vereinigung sei. Fazit: “Zeig mal!” sei kein Sexualerziehungsbuch, sondern ein “Bilderbuch für Nudisten”.
Fatal wurde es schließlich im September 1981, als das Nachrichtenmagazin Time eine Seite über Pädophile mit dem Cover des Buches illustrierte. In dem Artikel wurden vor allem schrullige Aktivisten zitiert, die dafür eintraten, dass selbst Kleinkinder und Erwachsene miteinander Sex haben sollten, schließlich könnten auch Vierjährige nein sagen.
Über die Jahre wurde die kindliche Sexualität mehr und mehr ihrer Unschuld beraubt. Die Medien, allen voran die Boulevardpresse und später die neuen Privatsender entdeckten den Kindesmissbrauch als quotenträchtiges Thema. Obwohl solche Delikte nicht häufiger vorkamen als in den 60ern und 70ern, entstand der Eindruck, der sexuelle Missbrauch an Kindern sei allgegenwärtig. In den Kindergärten wurde von nun an argwöhnisch geschaut, wie nah die Erzieher den Kindern kommen, Scheidungsanwälte entdeckten in der Denunziation der Väter als Pädophile eine erfolgreiche Strategie. In der allgemeinen Alarmstimmung gab es aber auch durchaus nützliche Debatten: Erstmals wurde der Sextourismus in Entwicklungsländern nicht mehr als Kavaliersdelikt gesehen. Schließlich wurde 1992 unter Justizminister Klaus Kinkel ein Gesetzesentwurf zur verschärften Bekämpfung von Kinderpornografie vorgelegt, um die “Kinder vor den Perversionen der Erwachsenen zu beschützen”.
Vielleicht kann man sagen, dass des Guten zuviel getan wurde, denn plötzlich – und das hat sich bis heute erhalten – wurde die Sexualität der Kinder nur noch als Fall für die Polizei gesehen, behaftet mit Problemen. Davon blieb natürlich auch “Zeig mal!” nicht verschont. Bereits 1986 hatte das Frankfurter Jugendamt einen erneuten und wiederum erfolglosen Verbotsantrag gestellt, zehn Jahre später entdeckte die Junge Union in Wuppertal das Thema für sich. Dort hatte man das umstrittene Buch in einer Bibliothek gesichtet – 22 Jahre nach der Veröffentlichung. Das Buch, so die CDU , sei “geprägt von der geradezu zwanghaften Vorstellung, die Gesellschaft und sogar Kinder von sexueller Unterdrückung und Bevormundung befreien zu müssen. Das Buch greift u.a. zurück auf die Darstellung von offensichtlich im Fotostudio eindeutig sexuell stimulierten – und damit wohl auch missbrauchten Kindern.”
Ein ähnlicher Vorwurf wurde im selben Jahr in der Zeit erhoben In einem Artikel mit der Überschrift “der dunkle Schatten von 68″ wurde dem Fotografen Will McBride vorgeworfen, er habe beim Foto-Shooting einen Jungen für seine Erektion gelobt. McBride verlangte prompt eine Gegendarstellung; auch der Verleger, den die Zeit als Zeugen genannt hatte, distanzierte sich von der üblen Nachrede. Der CDU -Antrag auf Indizierung verlief zum dritten Mal im Sand. Die Behörde verwies darauf , dass es schwer sei, ein ehemaliges Urteil zu revidieren, da sich ja nichts an dem Buch geändert habe.
Am Buch nicht, aber an der Gesellschaft – und das ist das eigentliche Problem. Der Blick ist verstellt durch jahrelange Diskussionen über Kindesmissbrauch, Kinderpornografie und die medialen Zerrbilder davon. Die notwendige Problematisierung ist unter dem Skandalisierungdruck aus dem Ruder gelaufen und hat Angst, Verklemmung und Beklommenheit ausgelöst, so die Erkenntnis von Soziologen. Das Motto “Zeig mal!” gilt nur noch für die Werbung, die keine Scham kennt, mit kindlicher Erotik Produkte zu verkaufen. Im Miteinander von Erwachsenen und Kindern aber heißt das Motto zu Hause und auf der Straße: Guck bloß weg! In der Schweiz hat man gerade den Nikoläusen verboten, Kinder auf den Schoß zu nehmen. Hinter jedem Vollbart könnte sich ja ein Perverser verbergen.
Das Problem “Zeig mal!” hat sich erledigt. Nachdem es sich fast eine Million Mal in sieben Sprachen verkauft hat, stellte es der Verlag 1996 ein. In den Aufklärungsbüchern von heute sind die Kinder Comicfiguren.

Text: Oliver Gehrs
Fotos: Will McBride

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